Ein Gebet, das nichts beschönigt
Psalm 13 ist nur sechs Verse lang, und er beginnt mit einem Schrei: „Wie lange noch?“ Gleich viermal stellt der Beter, in der Überschrift David genannt, diese Frage. Wie lange noch will Gott mich vergessen? Wie lange noch sein Gesicht vor mir verbergen? Wie lange noch muss ich in meiner Seele Sorgen tragen, Tag für Tag, und wie lange noch darf der Feind die Oberhand behalten?
Wer gesund, satt und ausgeruht ist, liest darüber leicht hinweg. Wer aber nachts wach liegt, lange krank ist, auf eine Antwort wartet oder um einen Menschen trauert, erkennt sich in diesen Zeilen sofort wieder. Das ist das Erste, was dieser Psalm uns sagt: Die Bibel kennt die dunklen Zeiten, und sie redet ehrlich von ihnen.
Bemerkenswert ist, wie David klagt. Er redet nicht über Gott, sondern mit ihm. Selbst die bittere Frage, ob Gott ihn vergessen habe, richtet er an Gott selbst. Seine Klage ist darum kein Unglaube, sondern ein Glaube, der nicht verstummt. Wer klagt, rechnet noch damit, dass jemand zuhört.
Drei Schritte in sechs Versen
Der Psalm gliedert sich in drei kleine Abschnitte. Zuerst die Klage (Verse 2–3): Gott scheint fern, die Gedanken kreisen, von außen drückt jemand. Dann die Bitte (Verse 4–5): „Schau her und antworte mir!“ David bittet um Licht für seine Augen, also um neue Lebenskraft, damit er nicht in Todesschlaf und Hoffnungslosigkeit versinkt.
Und dann kommt in Vers 6 die Wende, eingeleitet mit zwei kleinen Wörtern: „Ich aber …“ Beachte, was sich in diesem Psalm nicht verändert hat. Der Feind ist noch da, die Sorgen sind noch da, eine Antwort Gottes wird nicht berichtet. Verändert hat sich nur, wohin David seinen Blick richtet. Er erinnert sich an Gottes Güte, an das, was Gott ihm in der Vergangenheit erwiesen hat, und er entscheidet sich, darauf zu vertrauen. Sein Herz kann sich schon freuen, bevor die Rettung da ist, weil er von der Gnade seines Gottes mehr hält als von seiner Lage. Vertrauen ist hier kein Gefühl, das sich einstellt, sondern ein Halt, den er ergreift.
Warum Gott uns die Klage erlaubt
Dieser Psalm steht nicht allein. Die Bibel ist voller Klagegebete: bei Hiob, bei Jeremia, bei vielen Psalmbetern. Gott weist keinen von ihnen zurecht, weil er ehrlich war. Im Gegenteil, er hat diese Gebete in sein Wort aufnehmen lassen, damit wir lernen, wie man in der Not zu ihm spricht.
Am deutlichsten wird das bei Jesus selbst. Im Garten Gethsemane überfällt ihn Angst, und am Kreuz ruft er den Anfang des 22. Psalms aus, die Frage, warum Gott ihn verlassen habe (Matthäus 27,46). Der Sohn Gottes hat die Gottesferne bis auf den Grund durchlitten, an unserer Stelle. Darum schreibt Paulus später, dass uns nichts von der Liebe Gottes trennen kann, die in Christus Jesus ist (Römer 8,38–39). Es mag sich anfühlen, als hätte Gott uns vergessen, aber für alle, die zu Christus gehören, ist es nie die Wahrheit.
Was dieser Psalm Dir mitgeben möchte
Du darfst ehrlich sein. Du musst vor Gott nichts schönreden und keine frommen Sätze aufsagen, die Du in Wahrheit nicht fühlst. Sag ihm, wie es Dir geht, auch wenn es schwerfällt.
Du darfst klagen, aber richte Deine Klage zu Gott, nicht ins Leere und nicht gegen ihn gewendet in Bitterkeit. Und halte Ausschau nach Deinem „Ich aber“: nach einer Wahrheit über Gott, die gilt, auch wenn Deine Lage dunkel bleibt. Dass er gnädig ist. Dass Jesus Christus für Dich gestorben ist. Dass er Dich nicht loslässt. Daran darf sich das Herz festhalten, bevor die Antwort kommt.
Zum Weiterdenken
- Lies Psalm 13 laut, am besten in der Lutherbibel 1984. Welche Zeile ist Dir gerade am nächsten?
- Welche Klage trägst Du seit Langem mit Dir herum, ohne sie je ausgesprochen zu haben?
- Wie würde Dein persönliches „Ich aber …“ lauten?
Ein Gebet zum Schluss
Herr, mein Gott, Du siehst, wie müde ich bin und wie viele Fragen ich habe. Ich bringe sie Dir, so wie sie sind. Hilf mir, dass ich Dich nicht loslasse, auch wenn ich Dich nicht spüre. Ich vertraue auf Deine Gnade und danke Dir, dass Du Jesus Christus für mich gegeben hast. Amen.