Der wäre ja auch nur ein Mensch. Ein Kind versteht nicht, was sein Vater tut. Da bilden wir uns ein, wir müssten Gottes Wege immer verstehen? In früheren Zeiten fand man in den Lesebüchern eine gute Geschichte. Wir wollen sie hier wiedergeben:
Der Einsiedler und der Gottesbote
Es war einmal ein alter Einsiedler, der murrte immer über Gottes Wege. Eines Tages aber wurde ihm im Traum etwas gezeigt, was ihn still machte. Es erschien ihm ein Gottesbote, der forderte ihn auf, mit ihm zu gehen.
Sie kamen in ein Haus, wo sie freundlich aufgenommen wurden. Der Hausherr sagte: „Ich feiere heute einen frohen Tag. Mein Feind hat sich mit mir versöhnt und zur Bekräftigung der Freundschaft einen goldenen Becher geschickt.“ Am anderen Tag sah der Einsiedler, wie der Gottesbote den Becher mitnahm, und wollte böse werden.
Bald kamen sie wieder in ein Haus. Der Hauswirt, ein Geizhals, fluchte über die ungebetenen Gäste und tat ihnen alles Leid an. „Da müssen wir gehen“, sagte der Gottesbote und gab dem Hauswirt den goldenen Becher! Der Einsiedler wollte aufbegehren. „Schweig! So sind Gottes Wege!“
Am Abend kamen sie zu einem Mann, der sehr traurig war, weil er es mit all seinen Arbeiten nicht vorwärts brachte und immer vom Unglück verfolgt wurde. „Gott wird helfen“, sagte der Bote und zündete beim Weggehen das Haus an. „Halt!“, schrie der Einsiedler. „Schweig! So sind Gottes Wege!“
Am dritten Tag kamen sie zu einem Mann, der finster und in sich gekehrt war, nur mit seinem Söhnchen war er freundlich, denn er hatte es sehr lieb. Als sie am anderen Tag weggingen, sagte der Mann: „Ich kann euch nicht begleiten, aber mein Söhnchen darf bis zur Brücke dort mit. Gebt acht auf das Kind.“ – „Gott wird es behüten“, antwortete der Bote und warf auf der Brücke das Kind in den Fluss. „Du heuchlerischer Teufel“, schrie der Einsiedler, „das sind Gottes Wege?“
In diesem Augenblick verwandelte sich der Bote in einen Engel voll himmlischen Glanzes: „Höre! Der Becher war vergiftet, den freundlichen Mann habe ich vom Tod gerettet, der Geizhals aber hat sich den Tod damit getrunken. Der arme Mann wird beim Aufbau seines Hauses einen Schatz finden, mit dem ihm aus aller Not geholfen ist. Der Mann, dessen Kind ich in den Strom warf, war ein schwerer Sünder; das Kind, das er erzog, wäre sonst ein Mörder geworden. Der Verlust des Kindes wird nun des Vaters Herz zur Umkehr bringen, das Kind aber ist gut aufgehoben. Siehe, nun hast du ein Stück von der Weisheit und Gerechtigkeit Gottes gesehen. Ehre künftig sein verborgenes Walten!“
Diese Geschichte stand früher in den Lesebüchern. Und Leute, die als Kinder solche guten Geschichten lasen, waren nicht so schnell zur Hand mit der anklagenden Frage: „Wie kann Gott das alles zulassen?“ Sie wussten, dass sie Gottes Wege nicht verstehen können. Uns begegnet allerdings kein Engel, der uns die Dinge so schön erklärt. Wir müssen durchs Dunkel hindurch und damit fertig werden.
Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR. Denn wie der Himmel höher ist als die Erde, so sind meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.
Jesaja 55,8.9
Und ein Dichter drückt es so aus: „Wer kann Dich, Herr, verstehen, wer Deinem Lichte nahn? Wer kann den Ausgang sehen von Deiner Führung Bahn? Du lösest, was wir binden, Du stürzest, was wir baun. Wir können’s nicht ergründen, wir können nur vertraun.“
Christen können warten
Auf die meisten schweren Fragen bekommen wir hier keine Antwort. Gott hat uns nicht zu seinen Geheimräten gemacht. Aber wir Christen wissen: Wir werden nicht immer in dieser Dunkelheit bleiben. In der Ewigkeit werden sich alle Rätsel lösen.
Ein erfahrener Christ hat einmal folgendes Beispiel gebraucht: Wenn man einen Perserteppich von der Rückseite betrachtet, dann sieht man nur ein verworrenes Gewirr von durcheinanderlaufenden Fäden. Wenn man aber den Teppich herumdreht, sieht man ein herrliches Muster. Dann entdeckt man, dass das scheinbare Durcheinander eine große, schöne Ordnung war. Hier auf dieser Erde sehen wir den Teppich der Geschehnisse nur von der Rückseite. In der Ewigkeit aber werden wir ihn von der Vorderseite bewundern dürfen.
Wir gleichen einem Autofahrer, der mit seinem Wagen durch die Nacht fährt. Er möchte gern ein wenig sehen von der Landschaft, die ihn umgibt, aber die dunkle Nacht hüllt alles ein. Doch er hat so viel Licht, wie er braucht, um fahren zu können. So viel Licht gibt uns Gott in seinem Wort, dass wir den rechten Weg finden können. Sein Wort macht, wie die Scheinwerfer, den Weg vor uns hell, der zum ewigen Leben führt. Wenn wir aber in der Ewigkeit angekommen sind, dann wird uns die Sonne aufgehen. Dann werden wir wissen, warum Gott das alles zuließ.